Aachener Nachrichten, 30.04.07
Folgender Beitrag erschien in den Aachener Nachrichten am 30.04.07
Von der Schafwolle zum gefärbten Tuch
Museum in der Komericher Mühle erzählt ein Stück Geschichte der Aachener Textilindustrie.
VON UNSEREM MITARBEITER JAN MÖNCH AACHEN. Fusselige Klumpen Schafwolle werden über eine gigantische Walze gezogen und von Hunderten feinen Reißzähnen auseinander gezupft. Als scheinbar endlose Fäden verschwinden sie dann im Magen eines stählernen Ungetüms, dem “Krempelsatz”. Aus einer anderen Ecke kommt das metallische Rattern eines Webstuhls, unaufhörlich sausen seine Kettfäden auf und nieder und verhäkeln die Wollfäden zu festem Gewebe. Meterlange Stahlrohre, sogenannte Transmissionen, säumen die Hallendecke, und übertragen die Energie des nahe gelegenen Bachs auf die lärmenden Stahlkolosse.
Eindrücke, die über Generationen ebenso wenig aus dem Stadtbild wegzudenken waren wie Dom und Rathaus, leben seit dem vergangenen November in der Komericher Mühle wieder auf. Zwischen den Ortsgrenzen von Brand und Stolberg hat der “Verein zur Pflege der Aachener Textilindustrie‑Geschichte” das Aachener Textilmuseum eröffnet. Ein zweijähriger organisatorischer Kraftakt ging dem voraus, denn wer weiß heute noch, wie ein 170 Jahre alter “Cockerill‑Krempel” oder ein antiquierter Reißwolf zum Geweberecycling zusammengebaut werden? Ganz zu schweigen von Beschaffung und Transport der oftmals tonnenschweren Einzelteile.
“Gott sei Dank haben wir pensionierte Textiler gefunden, die sich noch mit den Maschinen auskannten. Einige haben mit Tränen in den Augen vor den Geräten gestanden”, erzählt Andreas Lorenz vom Textilindustrie‑Verein.Günter Rüttgers, pensionierter Spinner, und Friedrich Dunkmann, pensionierter Weber, führen heute den Besuchern des Museums ihr Handwerk vor. Einst waren sie Teil der letzten großen Generation der ruhmreichen Aachener Textilindustrie, deren Wurzeln weit in die Geschichte der Stadt zurückreichen.“20 Prozent der Bevölkerung haben zu Zeiten der Frühindustrialisierung in der Textilindustrie gearbeitet”, so Andreas Lorenz. Rund 100 der hiesigen Betriebe trotzten ein Jahrhundert später der belgischen Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg ebenso wie der weitgehenden Vernichtung ihrer Heimatstadt im Zweiten Weltkrieg. Erst der Globalisierung waren die Aachener Textilindustriellen nicht gewachsen ‑ ihr Niedergang war besiegelt. Chronologisch lässt sich dieser Verlauf im Textilmuseum nachvollziehen, ebenso wie der Werdegang eines Haufens frisch geschorener Schafwolle hin zum fertig verarbeiteten und eingefärbten Tuch.
Auch für SchulausflügeAndreas Lorenz blickt sich in den Räumen der Mühle um: “Wegen des Brandschutzes mussten wir nachträglich noch eine ganze Menge umbauen. Die Maschinen kriegen wir hier jetzt jedenfalls nicht mehr raus.” Das sollte so bald auch nicht nötig sein. Für Nostalgiker und Geschichtsinteressierte ist das Textilmuseum ebenso prädestiniert wie für Schulausflüge im Rahmen des Heimatkundeunterrichts. Auskunft per E‑Mail unter info@textilmuseum‑aachen.de
Mehr zum Museum: www.textilmuseum‑aachen.de

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